wieder einmal ist da diese grenzenlose unzufriedenheit mit mir selbst, dieses ständige streben nach mehr. ich weiß im endeffekt, dass ich schon ein bisschen stolz auf mich sein kann. ich habe doch für andere menschen anscheinend sichtbar abgenommen und habe seit 2012 nicht mehr so wenig gewogen. das ist doch was, oder? ich sollte mich freuen können. aber stattdessen bin ich weiterhin unzufrieden mit mir; denke ständig "da geht noch mehr", "es reicht nicht", "streng dich mehr an". und das will ich ja auch. und klar, so ein erfolgserlebnis motiviert auch ungemein - das problem ist halt einfach, dass ich mich wirklich gar nicht darüber freuen kann. ich denke nur daran, wie fett ich vorher gewesen sein muss wenn ich jetzt immer noch übergewicht habe und immer noch fett bin. mir fehlen noch 3kg zu offiziellem "normalgewicht", damit ich mich zumindest nur mehr an der grenze des übergewichts bewege. das ist ein vollkommen realistisches ziel, das ist keine grosse nummer. aber ich will doch einmal 50kg haben und das sein, was ich noch nie in meinem leben war - dünn. schlank. ich weiss nicht, wie es ist, schlank zu sein. ich war immer schon moppelig, kräftiger. es gab vielleicht bestimmte zeiten in denen ich ein normalgewichtiges kind war, aber seit meinem 7. lebensjahr schleppe ich mal mehr, mal weniger übergewicht mit mir rum. ich habe so viele versuche gestartet abzunehmen in all den jahren. es gelang mir einmal mit 13 als ich zum ersten mal diversen abnehmseiten im internet begegnete und mich mehr oder weniger strikt an dort aufgelistete regeln hielt - ich hatte allerdings von kalorien recht wenig ahnung und hab bestimmt immer mehr gegessen als vermutet. als die ersten komplimente eintrudelten (von einer schulkollegin die ich zu dem zeitpunkt nicht ausstehen konnte, von meiner damaligen kunstlehrerin - ich weiss es noch, als wärs gestern gewesen) entwickelte ich eine für mich heute nicht mehr nachvollziehbare zufriedenheit mit mir selbst und meinen immer noch molligen körper und hörte einfach wieder auf damit. nahm zu, klar. alle anderen versuche abzunehmen scheiterten kläglichst, ich schaffte es nicht einmal, eine diät länger als 2 tage durchzuhalten. und so begann das bingen. ich weiss noch, ich sagte mir "ach komm geh in die küche und hol dir noch was, das fett geht bestimmt eh in deine brüste". tja, falsch gedacht. bald bekam ich meine alten h&m jeans nicht mehr zu und ich begann mich schrecklich unwohl in jeans zu fühlen. doch ich hörte nicht auf mit diesem normalen fressen. in der schule wurde aus einer jause zwei bis drei weil ich aus langeweile aß, zu mittag bekam ich riesige portionen aufgetischt, am nachmittag aß ich meistens auch eine kleinigkeit, am abend üppige dinge wie brot und mehr als nur einmal gab es einen mitternachtssnack. eine tüte chips, wieso auch nicht. ein joghurt mit knusperflocken obwohl man nicht hungrig war. fettreduzierte milch mit mehr als den vorgeschlagenen 2 teelöffeln kakaopulver. drei bis vier schüsseln cornflakes in der nacht. why not. mal eben eine ganze pizza zu mittag, am abend nudeln. ei und honigbrot an den wochenenden zum frühstück weil ich mich nicht entscheiden konnte. ein oder zwei stück kuchen nachmittags zu gezuckertem milchkaffee, ist doch nichts dabei. ich nahm natürlich zu. und mir fällt es bis zum heutigen tag schwer, mich einzuschränken und nicht diese extremen mengen an essen zu verschlingen. als ich 18 war nahm ich für wenige monate ab. ich war im maturaballkommitee, hatte sehr viel zu tun und stress und war viel auf den beinen. ich aß nicht mehr so regelmäßig weil mir die zeit fehlte. ich weiß noch, am 24. dezember 2012 wuch ich auf, nachdem ich mich die ganze nacht alkohol-induziert übergeben hatte und stellte mich impulsiv auf die waage - 69,8 kg - arg, wie ich mich jetzt noch an diese zahl erinnern kann. es war das erste mal dass ich seit langer zeit unter 70 gekommen war, meist hatte ich zwischen 70 und 72 gehabt. ich kann mich noch daran erinnern wie wir diesen 2012er heiligabend zum ersten mal im damals neuen haus meines onkels verbracht haben, ich mich aus unerfindlichen gründen so abartig fett fand dass ich mich auf der toilette einschloss um zu weinen. dieses muster setzt sich übrigens fort, weihnachten 2013 geschah das gleiche, im haus meines onkels fühle ich mich einfach nur schlecht und fett. keine ahnung. vielleicht weil er so stramm und gross ist und seine freundin irrsinnig klein und zierlich. ein monat darauf fand mein ball statt und ich hatte wieder etwas zugenommen, ich hatte wahrscheinlich so um die 72kg.
danach kam die matura und ich brachte es so hinter mich wie immer - indem ich mich mit essen tröstete. als ich über den rechnungen brütete warf ich ein schokobon nach dem andren ein. am tag der mündlichen war ich dick, ich hatte zugenommen, mir passte der rock nicht den ich geplant hatte anzuziehen. meine mama sagte "du, das schaut nicht gut aus bei dir, zieh einen andren rock an". ich weiss es noch genau. aber es kümmerte mich zu dem zeitpunkt recht wenig, ich hatte andere sorgen und musste leistung erbringen. zwei monate darauf - maturareise. 7 tage auf einem schiff mit freundinnen die allesamt dünner und hübscher sind als du. sie sitzen in ihren bikinis um dich herum, ich trage ständig ein tshirt. sie werden angeflirtet. ich nicht. mir gefällt auch eigentlich niemand, und der einzige, der mir gefällt tanzt mit meiner blonden, schlanken, wunderschönen freundin. ich bin am boden zerstört, weine vor allen leuten weil ich noch nie in meinem leben sex hatte und 18 bin und ich mich hässlich und abstoßend finde. ich kriege durch zufall mit wie mich ein klassenkamerade hinter meinem rücken als fett bezeichnet. ich kann nicht realisieren was das bedeutet, will stark sein, kontere schlagfertig und verstecke mich hinter ausflüchten. sauge die vielen "wir mögen dich so wie du bist, es ist ganz egal wie du aussiehst" wie ein schwamm ein und ernähre mich davon. am nächsten tag spricht meine blonde freundin nicht mit mir, sie sieht mich nicht an, sie rührt das essen nicht an, ich will nicht essen, ich will nicht, und doch tue ich es. das ende der geschichte war, dass ich mich mit meiner freundin aussprach, sie verständnisvoll reagierte und alles wieder gut war. ja, alles war gut und wir lachten über die eher doch gefloppte reise. aber ich war immer noch jungfrau und hatte als einzige keinen typen der mir schrieb. im herbst darauf wollte ich in die hauptstadt ziehen doch ich traute mich nicht. ich war 18, wusste nicht was ich will und war schrecklich unsicher mir selbst gegenüber. ich hatte so gut wie kein selbstvertrauen. also begann ich in bei uns daheim ein studium von dem ich wusste dass es mich nicht auf dauer glücklich machen würde. ich lebte so dahin, verbrachte stunden um stunden in zügen, wog mich in grenzenloser sicherheit als mich täglich opa vom bahnhof holte. ich esse normal bis viel, je nach appetit. im herbst lerne ich einen jungen kennen der mir ganz gut gefällt. er ist einfach und durchschaubar und mir fällt es leicht mit ihm umzugehen. er spielt gitarre, damals war das noch etwas besonderes für mich. ich will es ausnutzen weil er mich attraktiv findet und lasse ihn über mich rutschen, es ist furchtbar und schlecht und der kontakt verläuft sich im sand weil ich nicht genug interesse gezeigt und nicht genug kraft investiert habe. ich wiege 74
kg und lache vor mich hin. "so viel hast du noch nie gewogen und trotzdem fickt dich jemand". damals hätte ich mich selbst dafür schlagen können, die chance nicht ergriffen zu haben, aber irgendwie hatte ich wohl unterbewusst im gefühl dass ich nicht so stagnieren konnte, dass ich mehr vom leben wollte. also machte ich eine aufnahmeprüfung an einer mittelklassigen schule. man sagte mir ich sei durchschnittlich, hätte geringe chancen. ich weinte bitterlich, stellte meine lebensplanung in frage. ich musste flüchten. wenn ich schon nicht das studieren konnte was ich wollte, wollte ich wenigstens ein langweiliges studium an der hauptuni in der hauptstadt machen. es war eine impulsentscheidung, die umsetzung erfolgte binnen weniger monate. ich war hibbelig, gehetzt und bereit für veränderung. der rest ist geschichte - geschichte, die ich hier zwar weiter ausführen könnte, wozu ich mich aber momentan noch nicht in der lage sehe. nur so viel sei verraten: ich lebte mich nicht gut ein in wien. ich hab ein bisschen herumgehurt, no big deal. falsche zufriedenheit mit einem 74kg körper sofern ich nicht nackt war. lernte zufällig einen jungen kennen auf dessen leben ich relativ schnell wahnsinnig eifersüchtig wurde. ich dachte mir: ich will auch so werden. ich erkannte, dass ich immer nach höherem streben muss und mir irrsinnig gern selbst was beweise. also probierte ich mich einfach aus. suck it and see. alles klar. ich bin immer noch in dieser ausprobierphase. ich bin 20 und wog 76 kg weil ich eine zeit lang gerne packungen an haribo und keksen verputzte. ich bin 20 und noch nicht alt genug um zu wissen wie ich mich selbst zu behandeln habe, also kompensiere ich eine lücke in meinem leben mit dem wunsch abzunehmen. ich hatte meinen schweren körper gut im griff. verspürte keinerlei scham wenn ich mich auf den dünnen körper eines jungens setzte und mein bauch uneingezogen beleuchtet wurde. lebte eine hypokritische body positivity. aber wieso steht es mir eigentlich nicht zu, schlank zu sein? ich habe dieses privileg genauso verdient wie jeder andere auch. frei nach meinem neuen lebensmotto: wenn es andere können/haben, wieso dann nicht auch du? ich probiere etwas aus, das sich selbstakzeptanz nennt. ich trage keine mascara mehr um mich an mein unveränderliches gesicht zu gewöhnen und darin schönheit zu erkennen. ich bin 20 und wiege 68 kg und habe einfach damit aufgehört packungen an haribo zu essen.
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